Warum Mitarbeiter:innen Produktivität vortäuschen – und was das über unsere Arbeitskultur verrät
Ella WeihmannWarum Mitarbeiter:innen Produktivität vortäuschen – und was das über unsere Arbeitskultur verrät
Immer mehr Beschäftigte täuschen Produktivität vor, um den Erwartungen am Arbeitsplatz gerecht zu werden – das ergibt eine aktuelle Umfrage. Viele geben zu, auf Täuschungsmanöver zurückzugreifen – von manipulierten Online-Statusmeldungen bis zum Versand nächtlicher E-Mails –, nur um beschäftigt zu wirken. Die Ergebnisse werfen ein Schlaglicht auf eine Unternehmenskultur, in der Sichtbarkeit oft höher bewertet wird als tatsächliche Leistungen.
Laut der Studie stellen 27,7 % der Arbeitnehmer:innen ihren Status im Homeoffice manuell auf "verfügbar", um nicht als unproduktiv zu gelten. Weitere 23,2 % verschicken E-Mails zu ungewöhnlichen Zeiten, um den Anschein ständiger Erreichbarkeit zu erwecken. Selbst im Büro lassen 17,3 % persönliche Gegenstände wie Jacken oder Taschen am Arbeitsplatz zurück, um ihre Anwesenheit vorzutäuschen.
Ein beträchtlicher Anteil von 55,9 % der Beschäftigten ist überzeugt, dass ihre Arbeitgeber:innen Präsenz wichtiger bewerten als messbare Ergebnisse. Diese Wahrnehmung treibt Verhaltensweisen wie überflüssiges Überstundensitzen an: 25,4 % bleiben länger im Büro, einfach weil auch ihre Vorgesetzten noch da sind. Gleichzeitig fühlen sich nur 33,3 % sicher genug, um ihre tatsächlichen Arbeitsergebnisse für sich sprechen zu lassen.
Die Gründe für solche Strategien sind vielfältig. 32,5 % führen eine Präsenzkultur an, in der physische Anwesenheit fälschlich mit Produktivität gleichgesetzt wird. 31,6 % handeln aus Sorge um den Arbeitsplatz. Interessanterweise würden 66,2 % sogar einen 5-prozentigen Gehaltsverzicht in Kauf nehmen, wenn ihre Leistung ausschließlich an Ergebnissen – und nicht an Sichtbarkeit – gemessen würde.
Dieser Trend zeigt sich vor dem Hintergrund, dass einige Unternehmen ihre flexiblen Arbeitsmodelle wieder zurücknehmen. Bis April 2026 haben etwa 15 % der großen deutschen Firmen – rund 450 von 3.000 Unternehmen mit über 1.000 Beschäftigten – die Pflicht zur Büropäsenz wieder eingeführt. Besonders die Automobil- und Finanzbranche treiben diese Entwicklung voran und kehren zu den vor der Pandemie geltenden Regelungen zurück. Doch Studien des Jobportals Indeed legen nahe, dass physische Anwesenheit nicht automatisch zu höherer Produktivität führt.
Die Umfrage offenbart eine Diskrepanz zwischen Arbeitsrealität und Unternehmensanforderungen. Da viele Mitarbeiter:innen zu Täuschungsmanövern greifen, um Sichtbarkeitserwartungen zu erfüllen, stellt sich die Frage nach der Wirksamkeit starrer Präsenzregeln. Während immer mehr Firmen die Rückkehr ins Büro fordern, dürfte die Debatte darüber, was Produktivität wirklich ausmacht – Anwesenheit oder Ergebnisse –, weiter an Fahrt aufnehmen.






