21 March 2026, 14:21

Kratzers provokante Schumann-Inszenierung polarisiert an der Hamburger Staatsoper

Offenes Buch mit dem Titel 'The Theatre: A Monthly Review of the Drama, Music, and the Fine Arts' mit sichtbarem Text und einem Logo auf der Seite.

Kratzers provokante Schumann-Inszenierung polarisiert an der Hamburger Staatsoper

Eine kühne Neuinszenierung von Schumanns Das Paradies und die Peri feiert Premiere an der Hamburger Staatsoper

Regisseur Tobias Kratzer und Dirigent Omer Meir Wellber haben das oratorische Werk des 19. Jahrhunderts in eine eindringliche Auseinandersetzung mit Rassismus, Krieg und der Klimakrise verwandelt. Die Produktion brach mit theaterüblichen Konventionen, indem sie das Publikum direkt in das Bühnengeschehen einband.

Das auf einer orientalischen Erzählung aus Thomas Moores Lalla Rookh basierende Oratorium wurde mit drastischen Bezügen zur Gegenwart neu interpretiert. Kratzer und Bühnenbildner Rainer Sellmaier verlegten die Handlung in einen aktuellen Konflikt, in dem eine weiße Führungsfigur verschiedene Gruppen gegeneinander aufhetzt. Eine besonders prägnante Szene zeigte die Ermordung eines schwarzen Jugendlichen, der sich der Autorität widersetzt – mit Bühnenblut und kollektiver Gewalt wurden so die Themen struktureller Unterdrückung unterstrichen.

Der dritte Akt lenkte den Fokus auf die Klimakatastrophe. Kinder spielten unter einer verschmutzten Plastikkuppel, was die spirituelle Suche des Oratoriums visuell mit der Zerstörung der Umwelt verband. Gleichzeitig riss die Inszenierung die vierte Wand vollständig ein: Die Solistin Vera-Lotte Boecker als Peri stieg ins Parkett hinab und setzte sich neben eine weinende Zuschauerin – eine Geste, die Empathie als Schlüssel zum Paradies symbolisierte.

Cashback bei deinen
Lieblingsrestaurants und Services

Kaufe Gutscheine und spare in deinen Lieblingsorten in deiner Nähe

LiberSave App auf Smartphones

Wellber dirigierte die Philharmoniker Hamburg in einer dynamischen Interpretation, wobei das kraftvolle Spiel der Musiker die Solisten gelegentlich übertönte. Chorleiter Meregaglia betonte die aktive Rolle des Chors, der sich fließend zwischen Gesang und szenischer Aktion bewegte. Die Premiere erhielt gemischte, letztlich aber begeisterte Reaktionen: Verstreutes Buhen wich jubelndem Applaus für Kratzers provokante Vision.

Die Produktion eröffnet eine Reihe innovativer Musiktheaterabende am Haus. Geplant sind unter anderem eine "operngroteske" Namens Monsters Paradies sowie eine Neufassung von Frauenliebe und -leben. Kratzer kündigte zudem an, das Engagement der Staatsoper für die Hamburger Stadtgesellschaft weiter zu vertiefen.

Mit Schumanns romantischer Partitur und drängenden zeitgenössischen Themen verbindet die Hamburger Staatsoper in Das Paradies und die Peri künstlerischen Anspruch mit gesellschaftlicher Relevanz. Indem die Inszenierung Rassismus, Krieg und ökologischen Kollaps thematisiert, fordert sie das Publikum auf, über kollektive Verantwortung nachzudenken. Der Erfolg der Premiere deutet auf eine wachsende Nachfrage nach Oper hin, die sich ungeschönt mit den Realitäten unserer Zeit auseinandersetzt.

Quelle