"Ringel, Ringel, Reihe": Warum der Kinderreim wohl doch keine Pest-Geschichte erzählt
Michael Textor"Ringel, Ringel, Reihe": Warum der Kinderreim wohl doch keine Pest-Geschichte erzählt
Die Ursprünge des Kinderreims „Ringel, Ringel, Reihe“ werden seit langem diskutiert. Viele vermuten einen Bezug zur Großen Pest von London, doch die Belege deuten auf einen weitaus harmloseren Ursprung hin. Wahrscheinlich begann das Lied als ein einfaches Kinderspiel ohne düstere Hintergedanken.
Die früheste bekannte gedruckte Fassung des Reims erschien 1881 in England – ein Datum, das die gängige Theorie widerlegt, die ihn mit der Pest von 1665 in Verbindung bringt. Denn dieser Bezug wurde erst 1961 hergestellt. Historiker gehen heute davon aus, dass das Lied im Deutschland des 18. Jahrhunderts als Sing- und Bewegungsspiel für Kinder entstand.
Einige Deutungen behaupten, das „Röslein“ stehe für Pestpocken und „Täschchen“ für schützende Kräuter. Andere argumentieren, die Zeile „Asche, Asche!“ spiele auf die Verbrennung von Leichen an – doch diese Praxis war in England bis in die 1880er-Jahre verboten. Viele Varianten des Reims enthalten überhaupt keine makabren Anspielungen, sondern betonen stattdessen Freude und Zuneigung.
Die plausibelste Erklärung ist, dass das Lied jungen Menschen trotz religiöser Einschränkungen das Tanzen ermöglichte. Die unterschiedlichen Textfassungen in verschiedenen Regionen erschweren zudem den Versuch, eine einzige Bedeutung festzulegen. Ohne handfeste Beweise bleibt die Pest-Theorie spekulativ. Die vielen Versionen und der heitere Ton des Reims sprechen dafür, dass es sich um ein schlichtes Spiel handelt. Seine wahren Wurzeln scheinen im kindlichen Treiben zu liegen – nicht in einer Tragödie.






